Zeitschriftenaufsätze
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Buchbeiträge
Sprachtheorie
für den Computer
Eindimensionale
Semantik oder mehrdimensionale Semiotik ?
Eine sprachtheoretische
Skizze anläßlich M.Th. Rollands Buch "Sprachverarbeitung
durch Logotechnik" ISKO Journal
Knowledge
Organization 23 (1996), No.3, p. 147-156.
Vorbemerkung: Die
Abschnitte 1 u. 2 haben in diesem Zusammenhang bloß kritischen
und einleitenden Charakter. Die konstruktive Aussage und Skizze wird
in Abschnitt 3 geliefert.
1. Grundzüge
der Untersuchung
Für die verschiedenen
Arten der maschinellen Sprachverarbeitung - besonders für den natür-
lichsprachlichen Dialog Mensch-Computer - fehlt trotz intensiver Forschungen
bisher ein ak- zeptiertes Modell, mit dem die Charakteristika einer
vorgegebenen Sprache beschrieben werden können. Diese Feststellung
gilt um so mehr für das Ziel von Übersetzungen zwischen verschiedenen
Sprachen. Die großangelegte Untersuchung von Maria Theresia Rolland
möchte zur Lösung dieser Aufgabe zumindest für das Deutsche,
indirekt aber auch für andere Spra- chen, einen Beitrag leisten,
nein, den entscheidenden Durchbruch liefern. Und zwar durch ein rein
semantikorientiertes, näherhin ausschließlich am Wortinhalt
orientiertes Vorgehen, das dennoch das Ganze der Sprache erfassen will.
Rolland stellt sich auf den Boden der Sprachinhaltsforschung des Bonner
Sprachwissenschaftlers Leo Weisgerber, der sich seinerseits in der Nachfolge
Wilhelm von Humboldts sah: Der Mensch hat seine Welt allein in der und
durch die weltbildgestaltende Sprache, die wesentlich durch die "innere
Form" der einzelnen Muttersprache geprägt sei. "Wie die
folgenden Ausführungen zeigen, ist es auf der Basis der von Weisgerber
(1962a: 13 ff.) geforderten inhaltsbezogenen Betrachtungsweise, bei
der also direkt an der Semantik der Sprache angesetzt wird, gelungen,
die Regeln und Ge- setzmäßigkeiten zu erkennen und die Grundlagen
explizit zu machen, auf denen die Struktur der deutschen Sprache beruht.
Darüber hinaus gelten die Prinzipien offensichtlich für den
Aufbau jeder Sprache, die sich aber natürlich jeweils anders, und
zwar sprachspezifisch kon- kretisieren, da in jeder Sprache ein eigener
Zugriff auf die Welt erfolgt"(41). Unbeschadet jener "Prinzipien"
des Sprachaufbaus lehnt die Autorin so etwas wie universelle Sprachstrukturen
(sprachliche Universalien), gar eine Universalgrammatik, mehrfach vehement
ab (10, 20 f., 31, 257, 551 f.).
Der erste Teil des
für das Buch zentralen Kapitels "III. Logotechnik" (39-345))
- nach den Einleitungskapiteln "I. Forschungsgegenstand" und
"II. Standpunkte", bei denen jedoch auf nichts Grundlegenderes
als auf die Valenztheorie des Verbums und die Kasustheorie ein- gegangen
wird - befaßt sich mit den Wortarten und Satzgliedern (111.1-4).
Die Grundregeln, nach denen die Semantik der alles bestimmenden sprachlichen
Inhaltsträger, der Wörter, funktioniert, sind nach Rolland
entscheidend in den Wortarten festgelegt und damit zahlen- mäßig
endlich und überschaubar. Es handelt sich um die sechs Wortarten
Verb, Substantiv, Adjektiv, Adverb, Präposition und Konjunktion.
Jede Wortart habe ihre Art von Flexion, eine auch den Grammatiker überraschende
Feststellung: Bei Präpositionen sei ihre "Flexion" der
Kasus des regierten Substantivs, bei Konjunktionen die Flexion des bedingten,
verbalen oder nominalen Satzglieds. Für die Flexion der Adverbien
wird die Komparation der sogenannten Adjektivadverbien, aber auch einiger
ursprünglicher Adverben (z.B. ‘gern, lieber, am liebsten‘)
namhaft gemacht (101.173).
Zugleich mit der
Wortart eines Wortes sind seine Möglichkeiten gegeben, im Satz
in be- stimmter Weise als Satzglied zu fungieren. Es werden ebenfalls
sechs Satzglieder unter- schieden: Prädikat, Subjekt, Objekt, Umstandsbestimmung,
Attribut, Konjunktional- bestimmung, die sich nicht mit dem Wortarten
decken, diesen aber - nicht nach einem erkennbaren Prinzip, aber von
der Autorin nach eindeutigem Schiedsspruch zugeordnet werden (Übersicht
5. 343). Zwei Wortarten können nur jeweils ein ihnen einzig entsprechendes
Satzglied fungieren: Verben als Prädikate, Adjektive als Attribute.
Dagegen können die anderen Wortarten mehrere Satzgliedfunktionen
erfüllen.
Der Rest des Hauptkapitels
"Logotechnik" ist dem Aufbau des Wortinhalts gewidmet (III,
5 - 11), was dann zur Struktur der Syntagmen und Sätze führt
(III, 12-13). Die Absicht der Autorin in diesem zweiten Teil des Kapitels,
wird in folgenden, nicht allein wegen der Konzentration auch dem Leser
des Ganzen schwer nachvollziehbaren Sätzen zusammengefaßt:
"Innerhalb
der Gesetzmäßigkeiten der jeweiligen Wortart realisiert sich
der Wortinhalt. Der Wortinhalt ist eine Ganzheit aus speziellem Inhalt,
der nur diesem einen Wort eignet, und dem generellen Inhalt, aufgegliedert
in 2 generelle Züge, die das Wort mit anderen Worten der Wortart
teilt. Zugang zum Wortinhalt erhält man durch das Implikat, d.h.
durch die Struktur der Umgebung des Ausgangswortes, das den im Wortinhalt
enthaltenen komplexen Inhalt wi- derspiegelt. Zu unterscheiden sind,
den beiden Teilinhalten gemäß, die beiden Teilimplikate:
Komplement und Supplement. Das Komplement als Pendant zum speziellen
Inhalt ist in den Strukturkonstellationen der abhängigen Einleitewörter
und Prädikate sowie den Substantiv- und Adverbkonnexionen greifbar.
Das Supplement als Entsprechung zum generellen Inhalt läßt
sich gemäß der flexionsmäßigen (1. genereller
Zug) und der konstruktionsmäßigen (2. genereller Zug) Ausrichtung
des Ausgangswortes in Flexionsgruppen und Konstruktions- gruppen feststellen"(343).
Weiter werden die
Wörter nach "Übereinstimmung in Teilzügen des Komplements"
bzw. "Übereinstimmung in den Flexionsgruppen" zu Wortklassen
sortiert. Im ganzen soll nach- gewiesen sein, daß jedes Wort einen
eigenständigen Bauplan in sich hat (impliziert), nach dessen Regeln
und Grundsätzen es sich in Sätzen bzw. Syntagmen verwirklicht.
Verben bedingen oder implizieren Satzbaupläne, die Wörter
der anderen Wortarten Syntagmen- baupläne.
Was herauskommen
kann aus diesem Wundergebilde an Symmetrie von Ordnungsbe- ziehungen
zwischen den Wortinhalten ist - etwas banal und vielleicht nicht ganz
im Sinne der Autorin ausgedrückt - ein vollkommenes semantisches
Lexikon der deutschen Sprache, das alle möglichen Verwendungsmöglichkeiten
eines Wortes gespeichert hat und somit zur "Wissensabfrage"
nach allen möglichen in deutscher Sprache gespeicherten Informationen
in der Lage ist. Die Autorin spricht von der "Erstellung eines
vollautomatischen natürlich- sprachlichen Dialogsystems"(552).
"Damit erweist sich das Durchschauen der Sprachstruktur als Grundlage
für Problemlösungen in den verschiedensten Gebieten: vom praktischen
Bereich der Computerwissenschaften über das Verstehen und Handhaben
der Sprache als solcher bis hin zum theoretischen Bereich des Denkens"(556).
2. Immanente Kritik
Die Autorin hat
es nicht versäumt, ihre ihr epochal erscheinende Leistung selbst
zu rezen- sieren, ja marketingmäßig anzupreisen, so daß
schon deshalb hier eher bedachtsame Töne angebracht sind. Es sei
vorweg zugestanden, daß ein ausgearbeitetes semantisches Lexikon
der deutschen Sprache, in denen nicht bloß einige, womöglich
redensartliche Verwen- dungsweisen eines Wortes angegeben werden wie
in bisherigen (vor allem zweisprachigen Lexika), sondern grundsätzlich
die möglichen Verwendungsweisen der Wörter, insbesondere der
Verben, eine durchaus sinnvolle und hilfreiche Sache sein könnte.
Es liegt nicht in meiner Kompetenz und meinem Interesse, Arbeitsaufwand
unter Verwendung öffentlicher Gelder im Verhältnis zum möglichen
Nutzen (und im Vergleich zu englischsprachigen Datenbasen) abzuschätzen.
Wieweit eine solche
zunächst praktisch wertvolle Datenbasis der Semantik der deutschen
Sprache jedoch genügend dogmenfrei wäre und wieweit sie etwas
mit der Erkenntnis der eigentümlichen Sprachstruktur zu tun hätte
sowie mit an solche anspruchsvolle Struktur- erkenntnis gebundenen Leistungen
(wie zum Beispiel Übersetzung, Sprachenvergleich, Stil- analysen
usw.), ist eine ganz andere Frage. Die Infragestellung soll zunächst
vom Boden einer immanenten Kritik erfolgen, d.h. die Ansprüche
der Verfasserin sollen an ihrem eigenen Maß- stäben, vor
allem an dem der immanenten Nichtwidersprüchlichkeit, Fundiertheit
und inter- subjektiven Verständlichkeit gemessen werden. Erst danach
soll ein umfassenderes, kohä- renteres und - soweit ich erkennen
kann - widerspruchsfreies Konzept von Sprachtheorie ins Spiel gebracht
werden. Es sei jedoch betont, daß die folgende immanente Kritik
vollkommen unabhängig von jenem anderen Konzept ist. Der Akzent
bei allem liegt zunächst auf dem der Sprachtheorie als solcher,
nur ausblickhaft auf dem Problem der dementsprechenden Computerprogrammierung
und dem Nutzen einer "maschinellen" Sprachverarbeitung.
a) Widerspruch zwischen
raffiniertem Begriffssystem und mangelnden Begriffsdefinitionen
Dem Leser dieses
Artikels wird das obige lnage Zitat von S. 343 gehaltvoll klingend,
jedoch unverständlich vorgekommen sein. Der Rezensent gesteht freimütig,
daß ihm nach intensiven Verständnisversuchen fast das gesamte
Begriffssystem des Buches unverständlich geblieben ist. Dies zum
einen deshalb, weil die Begriffe so gut wie nicht definiert werden.
Sie werden hinweisend-suggestiv in den Gedankengang eingeführt,
so daß der Eindruck entsteht, sie haben etwas Bestimmtes zu sagen.
Doch eben diese Bestimmtheit fehlt. Was heißt "Impli- kat",
unterschieden nach "speziellem Inhalt" und "generellem
Inhalt", was heißen "Komple- ment" und "Supplement"?
Man sollte annehmen, das umfangreiche Glossar am Schluß des Buches
helfe dem Verzagenden hier weiter. Machen wir die Probe. "Komplement:
der Teil des Implikats, mit dessen Hilfe der spezielle Inhalt bestimmt
werden kann" (575). Also sind wir auf den speziellen Inhalt verwiesen.
"Inhalt: die geistige Seite des Sprachmittels"(574). Immerhin
ein ungefähre Auskunft, wenn auch eine fragwürdige, weil das
Handlungsmäßige am "Sprach- mittel", seine Handlungsintention,
ebenso "geistig" sein kann wie der Inhalt. Die häufige
Übersetzung von "Inhalt" mit "Geistigen" ist
nicht nur hausbacken-altmodisch, sondern einseitig-falsch. Ich werde
später auf die ebenso "geistige" pramatisch-handlungsmäßige
Komponente der Sprechakte eingehen. Doch weiter zu "speziellem
Inhalt: ein Teilinhalt, der das Eigenständige im Wortinhalt meint"(583).
Eigenständig wohl gegenüber dem "generellem Inhalt: den
Teilinhalt, den das Wort mit Wörtern der gleichen Wortart teilt"(573).
Soviel konnte man sich denken. Ist damit aber nun eine begriffliche
Klärung von "Komplement" in Sicht? Und seine Abgrenzung
gegen "Supplement: Teil des Implikats, mit dessen Hilfe die Bestimmung
des generellen Inhalts möglich ist"(584). Fragen wir nach
der Begriffsbestimmung des so wichtigen Begriffs "Implikat",
so lautet die Antwort: "die Struktur, die dem von einem Aus- gangswort
aus aufweisbaren Sprachgut zugrunde liegt; s.a. Komplement, Supplement"(574).
Hier dreht sich alles im Kreise, und der Verdacht entsteht, es handele
sich um circuli vitiosi. Wenn sich dieser Verdacht an einzelnen, deutlich
faßbaren Beispielen und klarer werdenden bzw. vorgeprägten
Begriffen erhärtet, dann sind die ganzen Einteilungen von manchmal
er- staunlicher Symmetrie als Häuser aus selbstgefertigten Spielkarten
zu werten, nicht als wirkliche Erkenntnisse über die Sprachstrukturen.
Als Beispiel für einen deutlichen Zirkel greife ich die Definitionen
von Substantiv und entsprechendem Satzglied sowie von Adjektiv und Attribut
heraus. Mit diesen Beispielen treten wir zugleich auf eine konkretere
Ebene der sprachlichen Erscheinungen als mit jenen Konstrukt-Begriffen.
b) Widerspruch von
reinem Semantik-Anspruch und syntaktischer Bestimmung der Wortarten
Wäre des Bisherige
u.U. noch als formale Kritik aufgrund unterschiedlicher Vorstellungen
von begrifflicher und definitorischer Klarheit abzutun, so kommen wir
nun zu einem inhaltlich tra- genden Fundament des ganzen Begriffssystems.
Die Worte gehören Wortarten an. Wie aber werden Wortarten definiert?
"Das entscheidende einheitliche Kriterium für die Gliederung
der Wortarten untereinander ist demnach die Funktion, die die Wörter
einer Wortart im Satz als Satzglied ausüben"(56). Dann heißt
es mit vollendeter Zirkelhaftigkeit etwa: "Das Charak- teristische
der Substantive ist es, als direktes Satzglied fungieren zu können,
und zwar als direktes Subjekt, direktes Objekt, direkte Umstandsbestimmung.
Der Terminus direkt heißt: von einem Substantiv gebildet... "(83).
Ebenso zirkulär
wird das Adjektiv vom Attribut sowie das Attribut vom Adjektiv her definiert:
"Das Charakteristische der Wortart Adjektiv ist es, im Satz als
spezielles Satzglied, nämlich als Attribut fungieren zu können"
(94). Damit hat die Verfasserin schon per definitionem (falsam) das
Adjektiv in der Rolle des prädikativen Adjektivs oder Prädikatsnomens
zum Nicht-Adjektiv erklärt. Es soll, weil es im Deutschen (im Unterschied
zum Lateinischen) nicht dekliniert wird, ein "Adverb" sein,
was Ende der fünfziger Jahre schon der (von Rolland nicht genannte)
Weisgerber-Schüler Hans Glinz (1959) meinte als der "inneren
Form des Deut- schen" gemäß vertreten zu sollen. Die
zirkuläre Bestimmung des Adjektiv von der Attribut- funktion her
sowie des Attributs vom Adjektiv her (95) führt dann z.B. auch
dazu, daß Genetiv-Attribute (‘das Buch des Lehrers‘)
zu Genetivobjekten umgedeutet werden - weil dies in die hochsymmetrisch
stilisierten Tabellen über Wortarten und Satzglieder besser hinein-
paßt. - Offensichtlich falsch wird es, wenn Rolland das Prädikatsnomen
in ‘schön sein‘ als angebliches Adverb mit dem lateinischen
Adverb "pulchriter" (z.B. ‘pulchriter cantavit‘
- ‘er sang schön‘) parallelisiert (97) - um scheinbar
damit die Behauptung zu stützen: "Im Satz ‘Das schöne
Buch liegt auf den Tisch‘, handelt es sich um ein Adjektiv; im
Satz: ‘Das Buch ist schön‘ um ein Adverb."
An diesem Beispiel
zeigt sich eine ganze Reihe von Fehlern zugleich: die der Sprache Gewalt
antuende Definition der Wortart Adjektiv, jedenfalls keine "semantische";
falsche Definition des Satzgliedes Attribut und ebenfalls keine semantische
(in diesem Fall naturgemäß, weil Satz- glieder nur vom ganzen
eines syntaktischen Satzkonzeptes aus definiert werden können);
zirkulär-logikwidrige Bestimmung beider voneinander her; allgemein:
die ungelöste Art der Definition von Wortarten durch ihre Funktion
als Satzglieder. Wenn etwas als "syntaktisch" gelten kann,
dann doch wohl die Definition und Funktion und der Satzglieder. Diese
werden hier in ungeklärter Weise als Wortart-Implikate der angeblich
"reinen" Semantik zugeschlagen. Wegen dieser ungeklärten
Grundlagen erübrigt sich für uns das nähere Studium der
zahl- reichen "schönen" tabellarischen Übersichten:
Es sind Kartenhäuser mit verschiedener An- ordnung derselben erfundenen,
nicht entdeckten Karten.
Es gibt gelegentliche
Andeutungen, ja an später Stelle sogar eine Liste semantischer
Wortart- Definitionen: Verben meinen einen "Prozeß",
Substantive eine "Gegenstand", Adjektive einen "Zustand",
Adverbien einen "Umstand", Präpositionen eine "Beziehung
zu", Konjunktionen eine "Verbindung zwischen" (257).
Diese - mehr oder weniger richtigen! - semantischen Wortart- Bestimmungen
würden aber zu ganz anderen Folgerungen für die Wortart-Besetzung
der Satzglieder führen, wie pars pro toto verdeutlicht wurde am
Beispiel des prädikativen Adjektivs, genauer: des Prädikatsnomens.
Denn gibt es auch das adjektivische, nicht adverbiale Attribut zum Prädikat:
‘Der Wald steht schwarz und schweiget‘ - was in Rollands
Kartensystem nicht vorkommt und wie ein Adverb der Art und Weise behandelt
würde: als stünde der Wald auf schwarze Art und Weise dar.
Dieses Prädikatsattribut hört ebenso wie das Prädikatsnomen
nicht auf, Adjektiv zu sein, weil es eine andere Satzgliedstellung als
die eines Attributs zum Substantiv hat. Diese adjektivischen Satzglieder
lassen sich leicht ineinander umwandeln, was gegen eine Verwandlung
von einer Wortart in die andere durch Satzgliedstellung spricht. Die
Feststellung oder der Ausruf ‘ein schöner Baum!‘ läßt
sich ohne weiteres umwandeln in: ‘Dieser Baum ist schön!‘
Bei Rolland fehlt
das Problembewußtsein für die Definitionen von Wortart und
Satzglied. Folg- lich kann es darüber keinerlei andere Klarheit
geben als willkürliche, zu tabellarischer Sym- metrie frisierte
Festsetzungen. Die Unterteilung der Wortarten und "Wortarttypen"
führt zu einer ungenießbaren Mischung semantischer und syntaktischer
Gesichtspunkte.
Bei Klarheit darüber,
was eine Wortart ist, und ihrer konsequent semantischen Definition,
im Unterschied zu einer notwendig syntaktischen Satzglied-Definition,
käme es z.B. auch nicht zu der Subsumtion der Artikel, Pronomina
und Namen unter die Substantive unter sonder- lichen, einzig kartenhauskonformen
Namen wie "Verlaufs-" und "Zustands"- und "Kopula"-
Substantive, weil es dergleichen parallele Unterscheidungen angeblich
bei den Verben, Ad- jektiven, ja bei allen sechs Wortarten geben soll.
Hinter all diesen auch terminologischen Ungereimtheiten verbirgt sich
das völlig verleugnete Problem von Semantik und Syntax, weil angeblich
- mit Weisgeber - alles vom "Wortinhalt" und seinen Implikaten
allein zu klären ist. So kommt es zu dem sonderlichen Phänomen,
daß Rolland eine ganze deutsche Grammatik zu entwerfen sucht,
ohne eine Syntax zu kennen - geschweige denn diese im Unterschied zur
Semantik zu definieren. Werden beide Dimensionen aber nicht differenziert,
ist dies sehr zum Schaden auch der Semantik selbst, welche die begriffliche
Logik der Spracheinheiten (primär der Worte) darstellt. Das spezifisch
Muttersprachliche umspielt diese Logik, ersetzt und zer- stört
sie jedoch nicht.
c) Widerspruch von
Ganzheitsanspruch und Verleugnung des "Pragmatischen"
Wenn man von einer
Verleugnung und Verdrängung der syntaktischen Sprachdimension in
diesem Buch sprechen muß, wie steht es mit der in den sechziger
und siebziger Jahren ge- radezu dominierenden Sprachpragmatik, der Sprechakttheorie?
Da im Sprachsystem alles nach Oppositionen zugehe, Oppositionen von
unserer Autorin aber als Zweieroppositionen verstanden werden, reduziert
sie die Fülle der Sprechakte auf Feststellungs- und Fragesätze
(291 ff). Wo bleiben Ausruf, Wunsch, Selbstdarstellung, sogenanntes
perlokutives Sprechen wie Versprechen oder gar rollenausführendes
Sprechen (ernennen, taufen) usw.? Eine Sprach- theorie, die Ganzheitlichkeit
- und das tut Rolland sehr nachdrücklich - beansprucht, kann auf
die Einbeziehung der Sprachpragmatik nicht verzichten. Ein "Dialog"
mit einem Sprach- computer, der die spezifisch interpersonalen Sprachfiguren
- dazu gehören auch Drohen oder uneigentliches, verstellendes Reden
wie Ironie - nicht versteht, ist von vornherein einseitig auf Datenbankfunktionen,
also bloß informatives Sprechen, reduziert. Ein solcher Verzicht
mag vielleicht am Anfang notwendig sein. Doch müßte man auf
solche Einschränkung als eine bewußte hinweisen, dies um
so mehr, wenn man sich auf die Energeia-Auffassung der Sprache bei Humboldt
beruft, wie dies in dieser Untersuchung oft geschieht.
Wenn nämlich
Humboldt betont, daß die Sprache kein fertiges ergon, sondern
eine fort- wirkende energeia sei (41 f), dann liegt darin auch die Kantische
Wende von den Objekten zu den transzendentalen, d.h. handlungsmäßigen
Bedingungen der Möglichkeit für die Objek- tivierung (vgl.
Heinrichs 1990). Auch wenn man Sprache in Sinne der langue, wie die
Autorin mit Recht tut, als geistige Zwischenwelt, als mediale Wirklichkeit
sieht, so ist die Konsti- tuierung dieser Zwischenwelt ebenso wie deren
rezeptive Aktualisierung im Sprachgebrauch ein Tun: Handeln im weiten
Sinn von Bewußtseinsvollzügen oder "Handlungen des Verstan-
des" (Kant). Bei Humboldt ist vieles im ersten empirischen Unterscheiden
der Sprachenvielfalt, anderseits zur theoretischen Seite hin im intuitiven
Programm stehengeblieben und daher zum feiertäglich-unbestimmten
Zitieren besonders geeignet. Seine Betonung des Energeia- Charakters
der Sprache aber fordert zweifellos aus Kantischem Geist das Begreifen
der Sprache als Handlungssystem heraus. Die Verkürzung auf Semantik
als auf die objekti- vierende bzw. bereits objektivierte Dimension des
Sprachbestandes widerspricht (wohl auch schon bei Weisgerber) dem Humboldtschen
Energeia-Postulat. Leider haben allerdings die frühen Transzendentalphilosophen
(die deutschen Idealisten) die Sprache selbst allesamt noch nicht zureichend
handlungstheoretisch analysiert. Dazu fehlte hauptsächlich die
Unter- scheidung der semiotischen Dimensionen.
Von diesem weiten
Pragmatikbegriff im Sinne von "handlungstheoretisch" ist der
engere im Sinne des interpersonalen Handelns durch Sprache zu unterscheiden.
Denn nur in der inter- personalen Dimension wird die Sprache unmittelbar
praktisch. Nochmals, diese Praxis läßt sich nicht auf die
simple Opposition von Feststellungen und Fragen verkürzen. Man
sollte dann zumindest nicht von "dialogfähigen" Sprachcomputern
und Computerdialog sprechen. Eine solche Redeweise ist in mehrfachem
Sinne nicht sprachbewußt, solange dieser eigentlich pragmatischen
oder dialogischen Sprachdimension nicht Rechnung getragen wird.
Nur am Rande sei
erwähnt, daß der metaphorischen, künstlerisch-metasprachlichen
Sprach- verwendung (vgl. Heinrichs 1983), deren Vorstufe das Alltäglich-Sprachspielerische
darstellt, von Rolland in keiner Weise Rechnung getragen wird, daß
sie vielmehr apodiktische Korrekt- heitsregeln aufstellt - unter dem
Titel "das ist möglich, das nicht", die beckmesserisch
wirken. Z.B. soll möglich sein: ‘Sie haben sich stundenlang
miteinander unterhaltenen‘, nicht aber: ‘Sie haben sich
jahrelang miteinander unterhalten‘ (211). Ich finde ‘jahrelanges
Unterhalten‘ viel interessanter. Meinetwegen setzt dergleichen
die normale oder primäre Sprachverwendung voraus. Also müßten
Ebenen differenziert, doch nicht Sprechverbote ausgesprochen werden.
Sofern es denn dem Dialogpartner Computer erlaubt wird, dergleichen
zu erlauben.
d) Widerspruch von
spezifisch muttersprachlichem und logischem Semantik-Begriff
Der scheinbar selbstverständliche
Begriff von "Semantik" erfährt bei Rolland keinerlei
Klärung. Ist das Semantische der "geistige" Gehalt eines
Wortes bzw. Syntagmas oder Satzes im Sinne des Logischen? Sie geht aus
von einer "Einheit" oder "Ganzheit" von Laut und
Gehalt, von Sinnlichem und Sinn, und tadelt mit Recht diejenigen, die
(positivistisch oder behavioris- tisch) unmittelbar die Lautform mit
der außersprachlichen Welt in Beziehung setzen wollen (51). Auf
der anderen Seite betont sie das "Geistige" in Sinne des Logisch-Begrifflichen
der- maßen, daß alle gleichlautenden Wörter, die nicht
streng gleichbedeutend sind, einfach zu Homonymen erklärt werden:
zu verschiedenen Wörtern, die zufällig gleich klingen.
"So gibt es
u.a. viele Präpositionen aus:
Er ging aus dem Haus. (von welchem Ort?)
Er trans aus der Tasse. (woraus?)
Er stammt aus dem Ruhrgebiet. (woher?)
Er handelte aus Verzweiflung. (aus welchem Grund?)
Ein Buch aus dem vorigen Jahrhundert. (aus welcher Zeit?)
Ein Tisch aus Holz. (aus welchem Material?)
Ein Bild aus dem Nachlaß. (aus welchem Besitz?) usw."
Ein Logiker hat
seine Freude daran, wie die Autorin hier die logisch verschiedenen Bedeu-
tungen von ‘aus‘ umschreibt, die sie alle für Homonyme
erklärt. Er muß allerdings zu beden- ken geben, daß
sie meist das Wörtchen ‘aus‘ erneut zur Erklärung
dieser verschiedenen Wörter benutzt, streng genommen zirkulär
- worin wir ja schon ihre logische Lieblingsfigur erkannten. (Nicht
zuletzt auch in dem dichten Netz von Vorverweisen auf Späteres
und Rückverweisen auf Früheres im Gedankengang des Buches:
Zur näheren Begründung wird stets auf Späteres verwiesen.
Das Spätere gilt jedoch dann als im Früheren begründet.)
Wenn Bedeutungen ‚‚ rein" logisch angeblich ganz verschieden
sind, jedoch von der Sprache gleichlautend ausgedrückt werden,
stellt das doch einen starken Hinweis darauf dar, daß die "Muttersprache"
ein logisch weniger "reines" Analogiedenken pflegt, worin
Ähnlichkeit und Unähnlichkeit zugleich Platz haben. Richten
wir uns nun nach einer rein logischen oder nach der sprachlichen Semantik
des analogischen Denkens? "Muttersprachlich" wäre zweifellos
das letztere. Die Anwältin der Muttersprache im Gefolge Weisgerbers
tut hier offenbar gerade dieser Gewalt an, indem sie analoge, verwandte
Bedeutungen mit gleichem Wortkörper einfach als homonym, als ganz
andere Wörter, erklärt.
Hierin liegt eine
völlige Inkonsequenz, gemessen am Postulat der "Einheit"
oder "Ganzheit" von Laut und Gehalt! Solches Nichtzusammenbringen
der eigenen Gedanken erweist sich als folgenreich, weil sich die Frage
stellt: Wieweit ist Semantik als muttersprachlich gebundene Wortlehre,
wieweit als übersprachlich-logische Begriffslehre zu verstehen?
Wieweit ist es ei- gentlich her mit der angeblich völligen Sprachgebundenheit
des Denkens? Transzendiert das Denken - auch wenn es sich zweifellos
hauptsächlich sprachlich interpersonal äußert - nicht
doch die sprachlichen Laut-Inhalt-Einheiten, sowohl im Wahrnehmen wie
im fühlenden Selbst- wahrnehmen wie ihm eigentlichen Denken, vom
Intuieren zu schweigen. Ist die eine Zeitlang modische Professorenthese
von der völligen Sprachimmanenz des Denkens, von der soge- nannten
"Unterhintergehbarkeit" der Sprache - oft mit Berufung auf
Humboldt - nicht längst obsolet? Tat man der Sprache und ihrer
Analyse eigentlich einen Gefallen, indem man sie zum Inbegriff alles
Denkbaren macht bzw. zu machen vorgibt? Doch Rolland hält sich
anderseits keineswegs an diese von ihr artikulierte Ideologie der Sprachimmanenz
(53). Es ist am Ende in keiner Weise ersichtlich, was ihre Wissensabfrage
per Computer-"Dialog" denn eigentlich mit dem Deutschen zu
tun haben soll. Stellt diese "natürlichsprachliche" Wissensabfrage
nicht bloß eine Erleichterung für diejenigen dar, die des
Englischen nicht genügend mächtig sind? Auf jeden Fall ist
ein Bewußtmachen spezifisch muttersprachlicher Welterfassung mit
jener sich durch das Buch hindurchziehenden Homonymie-Wut unvereinbar.
e) Widerspruch von
prinzipiellem Anspruch und unphilosophischer Ablehnung sprachlicher
Universalien
Dieses ungeklärte
Verhältnis von Logisch-Begrifflichem und Muttersprachlichem im
Semantik- Verständnis hängt eng mit der Frage einer Einheit
in der Vielfalt der menschlichen Mutter- sprachen zusammen. Schon eingangs
wurde auf Rollands Ablehnung von universalsprach- lichen Strukturen
hingewiesen, aber auch auf den Anspruch, daß die "Prinzipien"
dieser Art von Sprachtheorie "offensichtlich für den Aufbau
jeder Sprache" gelten, "die sich aber natürlich jeweils
anders, und zwar sprachspezifisch konkretisieren" (41). Aber natürlich!
Was wäre denn mit sprachlichen Universalien anders gemeint als
derartige Prinzipien? Wenn es der Autorin nicht gelingt, diese Prinzipien
herauszustellen, hat sie damit noch nicht die logische Lizenz, sie im
Widerspruch zu sich selbst als universalsprachliche zu leugnen. Was
treibt sie - von ihrem positiven, muttersprachlichen Programm her unnötigerweise
- in solchen Widerspruch hinein? Hier gibt es nur die Erklärung:
Es ist die historische Abkoppelung der Sprachwis- senschaft, später
der Linguistik, von der Philosophie. Hierzu wäre viel zu sagen.
An dieser Stelle sei nur festgehalten: Es ist strikt unmöglich,
eine "ganzheitliche" Sprachtheorie zu entwickeln, ohne philosophisch
zu werden - eben weil Sprache das privilegierte Instrument menschlicher
Weltbegegnung und menschlichen Denken darstellt, sofern diese sich inter-
subjektiv artikulieren, mitteilen, und eben weil Sprache energeia ist,
nicht fertiges ergon. Aus diesem Grunde muß sie handlungstheoretisch
in ihren Grundstrukturen rekonstruiert werden. Deshalb muß Sprachtheorie
in philosophischer Weise notwendig aufs Ganze von Sinn gehen. Denn Philosophie
ist - in Anlehnung an Kant gesprochen - die aufs Ganze gehende "Kunst
der Begriffe" oder auch die Wissenschaft vom Sinn. Das heißt
auf der anderen Seite, daß "Philo- sophen" aus ihrem
Elfenbeinturm herabsteigen, oder besser: daß diejenigen Philosophie-
renden sich der Rekonstruktion der Sprache aus Bewußtseinsprinzipien
annehmen, die es gar nicht erst in diesen berühmten Elfenbeinturm
der "Hüter des Seins" hineinzieht, wo niemals ganzheitliches
und zugleich konkretes Erkennen stattfindet. (Ganz ähnlich verhält
es sich mit dem Bedenken der sozialen Strukturen und mit dem Verhältnis
der Philosophie zur Sozio- logie.)
3. Kritik vom Standpunkt
einer reflexionstheoretischen Sprachtheorie der
semiotischen Dimensionen
Der Verfasser hat
1981 eine philosophische Sprachtheorie vorgelegt, als zweiten Teil einer
"Reflexionstheoretischen Semiotik". Der erste Teil solcher
philosophischen Semiotik oder "Sinnprozeßlehre" besteht
in einer Handlungstheorie, d.h. in einer Semantik der menschlichen Handlungen
gemäß ihrer jeweils konstitutiven Inten- tionalität.
Die Sprache wird semiotisch, d.h. zeichentheoretisch, als Meta-Handeln
verstanden, welches sich dadurch auszeichnet, daß es sich in eigenen
syntaktischen Metazeichen im Handlungsvollzug selbst reguliert. Diese
semiotische und zugleich philosophisch-ganzheitliche Sprachtheorie greift
die Unterscheidung von semioti- schen Dimensionen auf, wie Charles Morris
sie mit großem Nachhall getroffen hatte: die syntaktische, semantische
und pragmatische Dimension der Sprache. Zugleich wird jedoch eine vierte
Dimension mit dem einstigen DDR-Semiotiker und Philoso- phen Georg Klaus
eine vierte Dimension hinzugefügt: die sigmatische, d.h. die Di-
mension der Bezeichnung oder des Sachbezugs der Zeichen. Diese vier
semiotischen Dimensionen der Sprache wurden von mir nach einem Prinzip,
dem der gesteigerten, kumulativen Reflexivität in ihrer Reihenfolge
und Beziehung einander zugeordnet und definitorisch präzisiert:
1. sigmatische oder
Bezeichnungs-Dimension: ursprünglicher Bezug des Sprechers
auf Außersprachliches
2. semantische oder Bedeutung-Dimension: Bezug des Sprechers auf eine
schon
etablierte (Dimension 1 voraussetzende) "Zwischenwelt" von
Inhalten
3. pragmatische oder intersubjektive Handlungsdimension: Bezug von Sprechern
aufeinander mittels der Semantik
4. syntaktische oder Verbindungsdimension der Sprachzeichen, die alle
vorherge-
henden Dimensionen voraussetzt und spiegelt
Es handelt sich
im ganzen um nichts Geringeres, als daß das Prinzip des menschli-
chen Selbstbewußtseins, die Selbstreflexivität, als grundlegendes
Aufbauprinzip der Sprache erkannt und systematisch durchgeführt
wird. Sprache ist das sich intersub- jektiv verlautbarende menschliche
Selbstbewußtsein. Es versteht sich, daß die sprach- lichen
Grundstrukturen ebenso universal sind wie die des allgemeinmenschlichen
Selbstbewußtseins. Doch können sich diese universalsprachlichen
Grundstrukturen nur kontingent, d.h. in konkreten Muttersprachen realisieren.
Die Entgegensetzung von Muttersprachen und universalen, menschensprachlichen
Strukturen wird als undialektisch-abstrakt und gedankenlos zurückgewiesen.
(Daß die Menschen ver- schiedener Rassen die gleiche Anatomie
haben, ist im Grunde erstaunlicher als die Tatsache, daß ihre
Sprachen hinter der offenkundigen Verschiedenheit gleiche Prinzipien
oder Grundstrukturen aufweisen.) Jede Muttersprache ist eine je verschie-
dene, kontingente "Inkarnation" oder Abwandlung der universalsprachlichen
Struk- turen. Es macht keine grundsätzlichen Schwierigkeiten, die
universale, allgemein- menschliche und logisch-notwendige Ebene von
der einzelsprachlich-kontingenten Ebene zu unterscheiden.
Alles kommt an auf
die wechselseitige "Durchdringung" der vier (nach reflexions-
theoretischer Einsicht nicht mehr und nicht weniger als vier) semiotischen
Ebenen. Dazu dient die Methode der sogenannten dialektischen Subsumtion.
Im Unterschied zur geläufigen formal-umfangslogischen Subsumtion
des Einzelnen unter das Allge- meine bedeutet "dialektische Subsumtion":
Unterordnung des Allgemeinen oder Ganzen unter die einzelnen Bestimmungen,
so daß die einzelnen Bestimmungen oder Untergliederungen sich
nach der Hauptdifferenzierung selbst wieder unter- gliedern - das in
der Geistesgeschichte durchaus nicht unbekannte "harmonikale"
und "holographische" Prinzip der Spiegelung des Ganzen in
seinen einzelnen Bestim- mungen. Diese dialektische Subsumtion der Sprachdimensionen
innerhalb jeder einzelnen von ihnen, unter zwar in mehrfacher Untergliederung,
kann hier nur ganz schematisch und für einen einzigen Untergliederungsschritt
angedeutet werden.
1. Sigmatische Dimension
(Bezeichnungsdimension)
1.1 Sigmatische Sigmatik (Wahrnehmbarkeit des Zeichenträgers)
1.2 Semantische Sigmatik (Bedeutungsgeprägtheit des Zeichenträgers)
1.3. Pragmatische Sigmatik (Handlungseinbettung der Sprachzeichen)
1.4 Syntaktische Sigmatik (Systembestimmtheit der Sprachzeichen)
Unter 1.3 wird das
bedeutsame Problem abgehandelt, das vor allem L. Wittgenstein beschäftigt
hat, wenngleich er es mit anderen ‘‘pragmatischen‘‘
Fragestellungen unter dem unbestimmten Titel "Gebrauch" vermischte
und verwechselte: Wie gewin- nen eigentlich die Sprachzeichen ursprünglich
ihre Bedeutung als Referenz, also als Bezug zu Außersprachlichem
oder jedenfalls, selbst wenn es im Grenzfall der selbst- referente Bezug
auf Sprachliches selbst ist, zu etwas anderem Gemeintem? Die ver- schiedenen
Arten solcher Referenzgewinnung (1.3.1. durch objektbezogene, 1.3.2
durch subjektbezogene, 1.3.3. durch sozialbezogene, 1.3.4 durch autoreferentielle
Sprachspiele) können hier nicht näher erläutert werden.
Es geht um das Verständnis des einheitlichen, jedoch alles andere
als bloß schematisch-formalistischen Prinzips, das in der Sprache
als einem entfalteten, dynamischen Handlungs-Reflexions-System, allenthalben
herrscht.
Der semantischen Sprachdimension kommt hier, im Zusammenhang mit Rollands
angeblich rein semantischem Entwurf, besondere Beachtung zu:
2. Die semantische
Dimension
2.1 Sigmatische Semantik: Identifikatoren (Pronomen und Namen)
2.2 Semantische Semantik: Dekriptoren (Wortarten)
2.3 Pragmatische Semantik: logische Prädikationsarten
2.4 Syntaktische Semantik: zusammengesetzte Prädikation (Logik
der Konjunktional-
sätze)
Der aufmerksame
Leser wird an diesen Überschriften bereits die grundlegenden Unterschiede
zu Rollands "Semantik" erkennen können. Es werden die
Wortarten tatsächlich semantisch (ohne Anleihen bei einer verleugneten
Syntax) eingeführt. Es ergeben sich durch logische Rekonstruktion
des empirischen Tatbestandes - nicht durch bloß empirisches Aufsammeln
- nach den im Wesen deiktischen (hinweisend- sigmatischen) Pronomina
und Namen die vier eigentlich "deskriptiven" Wortarten mit
eigener Semantik: Substantive, Adjektive, Verben und Situatoren (mit
den Unterarten Adverbien, Präpositionen, Konjunktionen).
Die Arten der Prädikation
(2.3) als semantischer Synthese von Wortinhalten bilden ein rein logisches
Problem, identisch mit dem der Kantischen Kategorienlehre (Heinrichs
1986). Die syntaktische Semantik (2.4), nämlich die logischen Verbindungsmöglich-
keiten dieser Prädikationsarten, die Logik der Konjunktionalsätze,
deckt sich mit der Thematik der modernen Logik der Junktoren (ebd.).
Das alles hat mit der spezifisch sprachlichen und muttersprachlichen
Syntax "nur" soviel zu tun, daß es deren allgemein logische
Grundlagen ausmacht. Allerdings führt die weitere Unterglie- derung
der einzelnen Wortarten in die Sichtung des muttersprachlichen Wortbe-
standes. In sprachvergleichender Betrachtung würden sich gerade
aufgrund eines derartigen allgemeinen Vergleichsrasters erhebliche "weltbildliche"
Unterschiede zwischen den einzelnen Sprachen ausmachen lassen. Gehen
wir um des Verhält- nisses von Semantik und Syntax willen gleich
zur syntaktischen Dimension über, indem wir die pragmatische (3.)
zunächst überspringen:
4. Die syntaktische
Dimension
4.1 Sigmatische Syntax: Grundlagen der Formenlehre
4.2 Semantische Syntax: Grundlagen der Satzlehre
4.3 Pragmatische Syntax: Grundlagen der Textpragmatik
4.4 Syntaktische Syntax: Stilistik (Stilfiguren)
Die semantische
Syntax mit den Grundlagen der Satzlehre enthält zwar nochmals eine
logisch-universalsprachliche Systematik von Satzgliedern. Wie diese
Logik aber einzelsprachlich realisiert wird, ist äußerst
offen. So gibt es etwa in den (syntaktisch ausformulierten) Sätzen
jeder Sprache einen Subjekt-Prädikatskern, ferner die Vierfachheit
der primären Satzglieder: Objekte, adverbiale Angaben, Gleichset-
zungsglieder und Modifikatoren. Wie jedoch einzelsprachlich diese Möglichkeiten
einer logischen Syntax realisiert werden (durch Flexion und Kongruenz
der Satz- glieder, durch Wortstellungsregeln usw.) ist damit nicht ausgemacht.
Dies läßt sich nur einzelsprachlich bzw. nach empirischen
Sprachtypen beschreiben. Umgekehrt aber läßt sich eine muttersprachliche
Syntax ohne Rückgang auf die universal- sprachliche niemals befriedigend
entwerfen!
Mit dem Aufweis
einer universalsprachlichen Grammatik ist ein ungeheurer Anspruch und
eine viel weitergehende Perspektive als mit einer nur muttersprachlichen
Se- mantik verbunden: der Anspruch einer grundsätzlichen maschinellen
Übersetzbarkeit von einer Muttersprache in eine andere, auf der
Grundlage gemeinsamer syntaktischer (universaler) Grundstrukturen. Hieraus
ergibt sich die Möglichkeit und Perspektive von Computerübersetzungen,
die natürlich auch die Semantik der einzelnen Sprachen einschließen
muß, doch wesentlich über Wortfelder oder "Wortimplikate"
usw. hin- ausgehend sich auf eine gemeinsame "Tiefengrammatik"
stützt.
Tiefengrammatik
gewinnt hier - vergleichbar der Begriffsverwendung bei N. Chomsky -
den Sinn einer universalen, logisch begründeten Grammatikstruktur,
demgegenüber die einzelsprachlichen Ausprägungen eine Oberflächen
- oder besser Ausdrucks- ebene und -struktur darstellen. Die Bezeichnung
"Ausdrucksebene" scheint mir ge- eigneter, weil sie ja erst
die eigentliche Sprachebene gegenüber dem Logischen darstellt.
An diesem "bunten Abglanz" einer verbindenden, logischen Tiefenstruktur
haben wir das eigentümliche Leben der Muttersprachen. Die Unterscheidung
von logischer Tiefenstruktur und kontingenter Ausdrucksstruktur ist
allerdings auf jeder der semiotischen Dimensionen zu treffen. Jede Muttersprache
bzw. jede Sprachfamilie wandelt das allgemein Sprachlogische von Bezeichnungs-,
Benennungs-, Handlungs- und Verbindungsdimension ab. Letztere, die syntaktische
Dimension, kann aber in eminentem Sinn die Form- oder Ausdrucksdimension
der Sprache genannt werden. Sie stellt zugleich die spezifisch systembildende,
Dimension der Sprache dar, worin die Sprache sich abschließend
selbst reflektiert und im stilistischen Spiel mit sich selbst in die
künstlerische Sprache übergeht.
Es war ein großer
Irrtum des Pragmatik-Booms der sechziger und siebziger Jahre, die Sprachpragmatik
(mit Morris und auch mit G. Klaus) als die umfassendste Dimension anzusetzen.
Dem lag die Verwechslung der beiden oben gekennzeichneten Bedeu- tungen
von "Pragmatik" zugrunde ("handlungstheoretisch überhaupt"
und "sozial"), unklar motiviert durch die Forderung der 68-er
Bewegung, die Sprache wie jedes Phänomen in seiner sozialen und
politischen Bewandtnis zu sehen. Doch diese so- ziale Bewandtnis der
Sprache, ihre interpersonal-pragmatische Dimension (mit 3.1 sigmatischer
Informationspragmatik, 3.2 semantischer Ausdruckspragmatik, 3.3 pragmatischer
Wirkungspragmatik und 3.4 syntaktischer Rollenpragmatik) reflektiert
sich, d.h. wird nochmals reflektiert in der Sprache als selbstreferentem
syntaktischem System, z.B. als Stil. Die einseitigen Sprachpragmatiker
konnten nie erklären - falls sie es überhaupt zugaben -‚
daß und wieso die grammatischen sowie die metagram- matisch-stilistischen
Regeln nicht unmittelbar Spielregeln des sozialen Handelns sind. Handeln
und sprachliches Metahandeln wurden nicht unterschieden. Im Zusammen-
hang dieses Beitrags geht es indessen primär um eine andere Einseitigkeit
als das pragmatisch-politisch akzentuierte Sprachverständnis, nämlich
das einseitig seman- tische Sprachverständnis (bei zusätzlicher
fehlender Differenzierung der Dimensionen überhaupt). Dem wird
hier nicht etwa eine syntaktische Sicht gegenübergestellt - auch
das wäre einseitig -‚ sondern eine ganzheitlich-semiotische,
die der Sprache in ihren vier großen Dimensionen als Weltbezug,
als semantische Zwischenwelt, als soziales Handeln sowie als selbstreferentes
grammatisch-stilistisches System glei- chermaßen gerecht wird.
Die Anforderungen
an die Computerlinguistik erhöhen sich allerdings damit erheb-
lich. Sie können jedoch nur auf solchen ganzheitlichen Grundlagen
einlösbar sein, soll es sich nicht um eine Spezialaufgabe wie "Wissensabfrage"
handeln. Die Ein- lösung scheiterte bisher daran, daß die
soeben skizzierte Sprachtheorie den Lin- guisten viel zu philosophisch,
den Philosophen viel zu linguistisch - folglich den Computerlinguisten
viel zu unbekannt war, wie übrigens auch der Autorin von "Sprachverarbeitung
durch Logotechnik". Es mag sein, daß mit ihrer "Logotechnik"
ein nächster, sozusagen der semantische Teilschritt zu einer ganzheitlichen
Sprach- verarbeitung hin getan werden kann, allerdings unter Beschränkung
auf den halt- baren Kern an ihrer Theorie, das Wortverwendungs-Lexikon.
Der entscheidende,
der Sprache als ganzer Rechnung tragende Schritt wird erst getan werden,
wenn die Sprache als das skizzierte mehrstufige Reflexionssystem vom
Computer als ein solches rekonstruiert wird - inquantum fieri potest:
Die Parallelität
von Kybernetik und transdendentalphilosophischem Reflexionsproblem wurde
m.E. zuerst deutlich thematisiert in Gotthard Günther: Das Bewußtsein
der Ma- schinen (1957/1963). Niklas Luhmann hat sich öfter über
"reflexive Mechanismen" ge- äußert, jedoch das
Einzigartige der Selbstreflexion, die Identität zweier Relate und
ihrer Relation (Erkennender, Erkanntes, Erkennen), nicht erkannt. Womit
er sich allerdings in guter Gesellschaft von Philosophen wie Dieter.
Henrich, Manfred Frank und Nachfolgern befindet, die mit ihrerseits
zirkulären Argumenten vermeinen, die von Kant bis Hegel geltende
Reflexionstheorie des Selbstbewußtseins als "zirkulär"
widerlegt zu haben, wobei diese ontologische Zirkelhaftigkeit nicht
von zirkulärer Argumentation unter- schieden wird (Heinrichs 1986).
Wenn es in den Sozialwissenschaften an "Begriffskultur" mangelt
(vgl. Dahlberg, 1996), dann geht dies weitgehend auf den derzeitigen
Zustand der Grundlagendisziplin Philosophie zurück.
Die kybernetische
Autoreflexivität (Günther 1963) wird als Rekursivität
usw. das zen- trale Phänomen des Selbstbewußtseins, die ebenfalls
viergestufte Selbstreflexion, niemals erreichen und ersetzen können.
Doch geht es ja für den Einsichtigen nicht um Computer, die denken
und sprechen können, sondern um solche, die Sprache so verarbeiten,
daß es dem sinnvollen Sprechen ähnlich sieht. Dazu genügt
das zeitlich rasche Nacheinander des beim menschlichen Sprecher wesentlich
gleichzeitigen Reflexionsgeschehens: der logischen Stufenfolge von Sachbezug,
Selbstbezug, Sozialbezug und Systembezug mittels Sprache. Wann endlich
wird die Begegnung der Linguistik mit der revolutionären Informationstechnik
unserer Zeit fruchtbar? Je- denfalls nach der Wiedervereinigung von
Linguistik und philosophischer Wissenschaft vom Sinn.
Sinn ist –
das sei abschließend nochmals hervorgehoben – keineswegs
allein Sprach- sinn. Man erweist der Sprache einen Bärendienst,
wenn man sie als den Inbegriff alles Wissenbaren, Whrnehmbaren und Denkbaren
hinstellt. Der "linguistic turn" kann nur eine weitere Ausprägung
und Teilrealisierung der "transzendentalen Wende" seit Kant
sein, keineswegs eine Ablösung der Bewußtseinsphilosophie
durch Sprachphi- losophie, wie von Humboldt (dort noch nicht in dieser
Entgegensetzung) bis Apel und Habermas und immer wieder einmal vertreten
wurde. Es geht darum, Sprache den- kend aus Bewußtseinsstrukturen
zu rekonstruieren, nicht aber darum, Denken und Bewußtsein auf
Sprache zurückführen zu wollen.
Literatur:
Rolland, Maria Theresia:
Sprachverarbeitung durch Logotechnik. Sprachtheorie - Methodik - Anwendungen
Bonn, F. Dümmler, 1994, 497 Seiten
Dahlberg, I: Zur
Begriffskultur in den Sozialwissenschaften: Lassen sich ihre Probleme
lösen? In: Ethik u. Sozialwissenschaften 7 (1996) No.1, 3-91
Glinz, H.: Die innere Form des Deutschen, Düsseldorf, Schwann,
1959
Günther, G.: Das Bewußtsein der Maschinen. Krefeld und Baden-Baden:
Agis 1963
Günther, G.: Beiträge zur Grundlegung einer operationsfähigen
Dialektik, 3 Bde. Hamburg: Meiner 1976-1979-1980
Hamm, H.T., Poesie und kommunikative Praxis, Heidelberg: Winter 1981
Heinrichs, J.: Reflexionstheoretische Semiotik. Teil 1: Handlungstheorie,
Bonn‚ Bouvier 1980, 192 Seiten, Teil 2: Sprachtheorie, Philosophische
Grammatik der semiotischen Dimensionen. Bonn, Bouvier 1981, 490 Seiten
Heinrichs, J.: Handlung - Sprache - Kunst - Mystik. Skizze ihres Zusammenhangs
in einer reflexions-theoretischen Semiotik. In: Kodikas/Code 6 (1983),
245-262
Heinrichs, J.: Dialog über Dialoganalyse. Ernst W.B. Hess-Lüttichs
‚Grundlagen der Dialoglingustik‘ in kritischer Diskussion.
in: Kodikas/Code 6 (1983), 369-385
Heinrichs, J.: Die Logik der Vernunftkritik. Kants Kategorienlehre in
ihrer aktuellen Bedeutung, Tübingen, UTB Francke 1986, 286 Seiten
Heinrichs, J.: Nationalsprache und Sprachnation. In: Fichte-Studien
2 (Kosmopolitanismus und Nationalidee). ed. K.Hammacher u.d., Amsterdam,
Rodopi, 1990, 51-73
Klaus, G,: Die Macht des Wortes. Ein erkenntnistheoretisches-pragmatisches
Traktat, Berlin-Ost 1974
Kotzmann E. (Ed.): Gotthard Günther - Technique, Logic, Technology.
München – Wien: Profil 1994
Morris, C.: Signs, Language, and Behavior, New York, Braziller, 1955