Johannes Heinrichs
Impulse
für eine andere Naturwissenschaft?
Buchbesprechungen
zu Jochen
Kirchhoffs Werk:
"Räume, Dimensionen, Weltmodelle. Impulse für eine andere
Naturwissenschaft"
Kreuzlingen/München 1999
Hugendubel/Diederichs new science
Die Frage kann nicht
gründlich und nachdrücklich genug gestellt werden: Was an
unserer Naturwissenschaft falsch ist, die mit der geschehenen Art von
industrieller Revolution bis heute lebensbedrohliche Früchte zeitigt,
als scheinbar notwendige Kehrseite des technischen Fortschritts. Jochen
Kirchhoff läßt es in seinem zweiten naturphilosophischen
Werk an der notwendigen Radikalität und Nachdrücklichkeit
des Fragens und Infragestellens nicht fehlen. "Gibt es irgendeinen
Zweifel, daß die moderne wissenschaftliche Ansicht über den
Platz des Menschen im Universum einfach nur ein Ausdruck des Wahnsinns
ist?" So fragt er mit den Worten des Wissenschaftshistorikers Jacob
Needleman (15). Die für Einstein wichtigste Frage überhaupt,
die nach der Geborgenheit des Menschen im Universum, kleidet er in der
ersten von 42 "Basisfragen zur Kosmologie" in die Form: "Sind
wir heimatlose Zigeuner in einem sinnlosen, monströsen Universum,
oder hat unsere Existenz einen (kosmischen) Sinn, haben wir gar eine
wie immer beschaffene kosmische Verantwortung" (22)?
Die anderen Fragen
mögen auch in Kurzform ihre Wichtigkeit erkennen lassen: Warum
scheint die Sonne? – Gibt es ´äußeres´
ohne ´inneres´ Licht? – Was ist Gravitation? Warum
stürzt nicht alles aufgrund der "allgemeinen Massenanziehung"
ineinander? – Warum bewegen sich die atomaren/subatomaren Teilchen?
– Gibt es den Äther doch? – Was ist ein Elektron? –
Was sind die Felder der Physik, aber auch die Felder der Biologie oder
des Bewußtseins? – Ist der Raum leer? – Muß
der Raum nicht aktual und real unendlich sein? – Wie ist die Morphogenese,
also die Formwerdung des Lebendigen, zu erklären? – Wie erklären
wir außerkörperliche Erfahrungen? – Wie viele Dimensionen
hat die Zeit? – Wie viele Dimensionen hat der Raum? – Was
ist Farbe? – Warum bewegen sich die Gestirne? – Gibt es
eine Weltseele und wie steht sie zu einem Weltäther? – Wie
viele Wirklichkeitsstufen hat der Kosmos? – Wie viele Körper
hat der Mensch? - Ist die Möglichkeit zur Freiheit schon in der
Materie gegeben? - Was ist Energie? – Welche Rolle spielen Klänge
im Weltenbau? – Warum ist der Urknall heute so beliebt? –
Was hat der unendliche Raum mit dem Tod zu tun? – Sind wir von
unzähligen bewohnten und belebten Gestirnen umgeben – oder
von einer leeren Unermeßlichkeit thermo-nuklearer Höllen?
– Wenn wir einen Weltschöpfer annehmen – für wie
intelligent halten wir ihn? - Was ist mit den Ufos? – Wie wirklich
sind transpersonale bzw. holotrope Erfahrungen? – Was sind sogenannte
Naturgesetze, und warum ist die Sinnenwelt so ´festgezurrt´,
während die seelische, die geistige Welt so fluktuierend wirkt?
– Was trägt die Erde und die Gestirne im Raum? Ist es der
Raum selbst, oder sind es die Gestirne umhüllende und durchdringende
Felder?
Der Leser wäre
enttäuscht, wenn er erwartete, daß all diese Fragen in dem
Buch eine Antwort fänden. Der Autor riskiert es freilich, dies
zu suggerieren. Seine Hauptmethode in den nächsten Kapiteln (2
bis 4) besteht darin, die versuchten Antworten der "herrschenden
Naturwissenschaft" ad absurdum zu führen. Ja, das stark wertende
Wort "absurd" mag über hundertmal in dem Buch vorkommen
– was freilich noch nicht für die argumentative Schärfe
der destruktiven und konstruktiven Gedanken spricht. Bekanntlich können
ein Narr oder auch ein Kind mehr fragen als hundert Weise beantworten
können. Am wichtigsten aber an dieser Frage-Methode oder besser
Frage-Haltung: Die elementaren Fragen dürfen durch die Beschäftigung
der Wissenschaften mit sich selbst und ihren Konstrukten nicht in Vergessenheit
geraten.
Humaner Kosmosbegriff
und "supramentale" Methode
Bleiben wir sogleich
bei der ersten und fundamentalen Frage, die das wiederholt mit aller
wünschenwerter Klarheit, ja mit Pathos herausgestellte Grundanliegen
des Autors umschreibt: "Alle nur dem Anschein nach rein mentalen
(physikalischen, naturphilosophischen, erkenntnistheoretischen) Überlegungen
dieses Buches haben im letzten nur ein Ziel: den Menschen zurückzubinden
an die subtile Ganzheit eines gestalthaft und umfassend lebendig, umfassend
intelligent erlebten bzw. vorgestellten Universums. Darum geht es. Um
nichts anderes. Mentale Auseinandersetzungen um ihrer selbst willen
oder um die eigene Theorie gegenüber anderen existierenden Theorien
als die bessere oder richtigere herauszuarbeiten, sind intellektuell
reizvoll und auch in Grenzen sinnvoll, aber sie sind nicht das, worum
es mir primär und essentiell und auch existentiell zu tun ist.
Mir scheint es wichtig, diese tiefste Motivation des Buches unmißverständlich
zum Ausdruck zu bringen. Ohne eine authentische, aus der eigenen Lebenspraxis
erwachsene und ihr auch zugeordnete Verbindung mit dem Kosmos, eine
Verbindung, die alles Mentale zugunsten eines wirklich Übermentalen
transzendiert (und es gleichwohl, oder gerade deswegen, in seiner Eigenwürde
stehenläßt), ist alles vergeblich. Ich wiederhole es: Ohne
diese Verbindung mit dem schöpferischen Kosmos ist alles vergeblich,
sind alle Theorien und mentalen Geburten müßig" (119
f).
Nun verschlingen
sich hier offensichtlich zwei Gedankenmotive: der ontologische Gedanke
des Kosmos als eines menschenfreundlichen, dem Menschen gemäßen
Universums sowie die zusätzliche erkenntnistheoretische Problematik
von Mental und Übermental. Ich spreche von "zusätzlicher
erkenntnistheoretischer Problematik", weil natürlich jede
Ontologie bereits auf erkenntnistheoretischen (mehr oder weniger reflektierten,
mehr oder weniger gerechtfertigten) Voraussetzungen beruht. Der Autor
will nun gerade diese Verschlingung, indem er sich auf eine Lebenspraxis
beruft, ein persönliches ontologisches wie zugleich erkenntnistheoretisches
Einschwingen in den Kosmos.
Der Gedanke eines
erneuerten, dem griechischen Kosmosbegriff angenäherten kosmischen
Naturbegriffs bildete bereits einen Leitfaden in meiner "Ökologik"
(1997), ein Grundgedanke, der in Kirchhoffs erstem großen naturphilosophischen
Werk "Was die Erde will" (1998) in erfreulicher Weise aufgegriffen
und weitergeführt wurde. Ich darf vielleicht meine eigene, thesenhaft
nüchterne Zusammenfassung dieses Gedankens anführen, um die
grundlegende Übereinstimmung mit Jochen Kirchhoffs Kosmos-Begriffs
zu dokumentieren: "Ein moderner kosmischer Naturbegriff läßt
sich von der triadischen Natur des Menschen als Körper-Seele-Geist-Einheit
gewinnen (anthropologischer Zugang). Bei ´kosmischem´ Naturbegriff
ist nicht an eine scheinbar geistlose Unendlichkeit von Galaxien gedacht,
sondern an eine vom Logos begeistete wie in irgendeiner Analogie zum
Menschen beseelte Natur. – In materialer wie methodologischer
Hinsicht bildet der Mensch selbst den notwendigen Ausgangspunkt einer
ontologischen Naturphilosophie. Eine naturphilosophische Reflexion,
die selbstgewiß von einer der etablierten Naturwissenschaften
ausgeht und diese verlängert (extrapoliert), teilt die blinden
(unreflektierten) Flecken der jeweiligen Wissenschaft" (39 f.
276 f).
Diese Übereinstimmung
im erkenntnistheoretischen sowie ontologischen Ausgangspunkt und Grundanliegen
mit J. Kirchhoff verdient so starke Betonung, weil mein erster Haupteinwand
dieser grundlegenden Übereinstimmung gleich benachbart ist. Er
richtet sich gegen die Verquickung des auf moderner Ebene erneuerten
kosmischen Naturbegriffs mit der Problematik von "mental"
und "übermental" in einer Weise, die ich nicht akzeptieren
kann.
Erster Haupteinwand:
Illegitime Inanspruchnahme des "Supra-Mentalen"
Meines Erachtens
wird hier ein bei Jean Gebser und in den Anfängen der transpersonalen
Psychologie geradezu üblicher Kategorienfehler wiederholt (vgl.
Heinrichs 1993). Dem obigen Zitat von S. 119 f. aus Kirchhoffs-Buch
sei noch eine ähnliche Grundsatzerklärung als weiterer Beleg
angefügt: "Es geht mir primär (ja fast ausschließlich)
um die Wahrheit und Würde der menschlichen Existenz im Kosmos,
nicht um eine neue bzw. andere und vielleicht ´bessere´
mentale Theorie über Schwere, Bewegung und Äther. Ich glaube,
daß die mentale Ebene als solche und in der bewußtseinsgeschichtlichen
Tiefe ausgereizt ist, auch was sogenannte Weltbilder betrifft"
(211, vgl. 77.107.264.282). Mit dem "Mentalen" ist offenbar
das Verstandesmäßige (Ding-Denken), vermutlich aber auch
das Vernünftige (Sinn-Denken) gemeint. Beides wird leider nicht
unterschieden. "Mental" könnte alles Diskursive im Sinne
des Argumentativen, das Wissenschaftliche und seine Vorstufen, heißen.
Nun will ich nicht etwa bestreiten, daß es andere Erkenntnisweisen
und Arten des Sinntransportes (andere semiotische Ebenen) gibt. Ich
selbst lege in meinen semiotischen Studien vielmehr großen Wert
darauf, grundsätzlich die vor-sprachliche Ebene des Handelns und
vorsprachlichen Wahrnehmens (1) von der sprachlichen Ebene (2) zu unterscheiden,
die ihrerseits viel umfassender ist als die wissenschaftlich-diskursive,
argumentativ objektivierende Art der Sprachverwendung. In der Verwechslung
von sprachlichen Äußerungen überhaupt im Sinne des englischen
und französischen "discourse" mit dem argumentativen
Diskurs im scholastischen und deutschen Sprachgebrauch von argumentativer
Rede liegt ein großer Mangel der gegenwärtig modischen "Diskurstheorie".
Ferner ist Kunst in der Sichtweise einer reflexionstheoretischen Semiotik
als ein grundsätzlich nach-sprachlicher (meta-sprachlicher) Sinnprozeß
zu verstehen (3). Nochmals höher reflektiert und weiter von der
Sprache entfernt dürften mystische Sinnprozesse zu "verstehen"
sein (4). Solches theoretisch-reflexive "Verstehen" (wenn
es hier weiter entfaltet werden könnte) wäre jedoch ein sprachlich-diskursives
Verstehen. Dieses kann und soll in keiner Weise künstlerische und
mystische Vollzüge, nicht einmal einfache Wahrnehmungen und Handlungserfahrungen
ersetzen. Das objektivierende und diskursive (im Nacheinander der Argumente
verfahrende) Denken kann nirgendwo das Nicht-Diskursive ersetzen, und
vernünftiges Denken wird das niemals beanspruchen. Der Duft einer
Blume ist sowenig mental-diskursiv zu erfassen wie eine musikalische
Erfahrung oder eine metaphysisch-religiöse (mystische) Erfahrung
der tieferen Bedeutung von "Sinn" oder "Göttlichkeit".
Der Kategorienfehler bei der Relativierung des "Mentalen"
geht von einem rationalistischen Zerrbild aus – als wolle das
Denken die Erfahrungen ersetzen – und will ebenso närrisch
die "höheren" Erfahrungen an die Stelle des "mentalen"
Denkens setzen. Dabei wird Denken (als Vermögen des geordneten
Verbindens von Vorstellungen) nur durch Erfahrungsgegebenheiten, seien
sie sinnlicher oder höherer sinnhafter Art, gehaltvoll. Vernünftiges
Denken will niemals das gesamte, "integrale" Bewußtsein
sein, das ganz andere Arten von Sinn- oder Bewußtseinsprozessen
umfaßt. Als Denken kann es gerade nur dann "integral"
sein, wenn es den anderen Bewußtseinsvollzügen und Weisen
des Menschseins bewußt und aktiv ihren Platz einräumt. Eine
Wissenschaft, die diese ihr immanente Einseitigkeit nicht sieht und
ernstnimmt, ist rationalistisch-unvernünftig – was freilich
von einem großen Teil des gegenwärtigen akademischen "Diskurses"
mit mangelnder Grenzbestimmung des Diskursiven gesagt werden muß.
Das Mental oder Diskursive hat jedoch die Aufgabe, von dieser (es transzendierenden)
Ganzheit möglichst geordnet Rechenschaft abzugeben.
Auf der anderen
Seite wird eine über-argumentative oder über-mentale Berufung
auf kosmische Erfahrung gefährlich und sogar mißbräuchlich,
wo sie die saubere Argumentation nicht bloß überschreiten,
sondern ersetzen will. Alle Berufung auf persönliche Erfahrung
erfordert umso sorgfältigere Argumentation, soll nicht irrationalistische
Willkür – womöglich Falschspielerei - an entscheidenden
Stellen drohen oder ganz auf wissenschaftliche Argumentation verzichtet
werden. Letzteres will Kirchhoff sicher nicht. Doch wie vermeidet er
nach dem zitierten Pathos ein unakzeptables Doppelspiel?
Wenn es also nicht
darum geht, über "Schwere, Bewegung, Äther" bessere
mentale Theorie hervorzubringen, sollte man das Schreiben und Sprechen
in diskursiv-wissenschaftlicher Form sein lassen! Dann möge man
etwa künstlerische Ausdrucksformen und mystische Sprache (ein Behelf
für den Mystiker selbst, sofern er nicht zugleich Sprachkünstler
ist) pflegen – sofern man es kann. Von solchen höheren Sinnebenen
(Darstellungsformen) kann jedoch in Kirchhoffs Buch keine Rede sein,
auch wenn einmal, freilich an entscheidender Stelle, "eine Gaia-Meditation
über Schweben und Schwere" (165-178) geboten wird, die sich
vom übrigen Diskurs-Stil nur durch das Anschauungsbild der im Weltraum
schwebenden Erde unterscheidet. Der Autor fällt schlicht, in durchaus
"normaler" populärwissenschaftlicher Sprache, in den
besagten Kategorienfehler. Es nützt dann nichts mehr, nachträglich
zu beteuern, daß man das Mentale "gleichwohl, oder gerade
deswegen, in seiner Eigenwürde stehenläßt" (120).
Wird die unersetzliche Eigenwürde "besserer mentaler Theorie"
einmal verkannt, wie an den zitierten Stellen offensichtlich, sind nur
noch inkonsequente Beteuerungen des Gegenteils möglich. Im Prinzip
wäre durchaus künstlerisches und mystisches oder einfach erfahrungsgesättigtes
Sprechen möglich, das die mentale (diskursive) Ebene voll einschließt.
Es gibt hochstehende weise Autoren, die solches vermögen. Für
diese erübrigt sich jedoch die geschehene Abwertung "besserer
mentaler Theorie", die übrigens ihre eigenen ethischen und
spirituellen Voraussetzungen hat, am grundlegendsten eine nicht-egohafte
Sachlichkeit oder Wahrheitsliebe! Um die bessere Theorie geht es zunächst
in einem wissenschaftlichen Buch. Sollte es mehr sein als dieses, darf
das nicht durch fehlerhafte Abwertung des Nicht-Geleisteten und durch
Prätention geschehen, sondern durch zusätzlichen "Erweis
des Geistes und der Kraft" (Paulus). Davon kann in diesem Buch
nirgends die Rede sein.
Um diesen wichtigen
Punkt durch einen Vergleich nochmals zu verdeutlichen: Wer ein Buch
über Musik schreibt, wird sich gewiß musikalische Leser wünschen
und muß musikalische Erfahrungen voraussetzen, indem möglichst
präzise auf solche hingewiesen wird. Der Schreiber kann wohl die
Fähigkeit, Musik zu hören, beim Leser voraussetzen. Das Geschriebene
kann aber nicht die Musik ersetzen oder in sich aufheben – es
sei denn, es wäre selbst ein quasi-musikalisches Kunstwerk. So
mag eine naturphilosophische Argumentation nicht nur die allgemeine
Naturerfahrung, sondern auch besondere evozieren. Dies kann jedoch nur
durch besondere Präzision des Hinweisens geschehen, nicht durch
allgemeine Prätention.
Philosophiegeschichtlich
gesehen hat Hegel bereits Schelling bzw. dessen Anhängerschaft
vor dem Abgleiten in pseudo-esoterische Romantik gewarnt. Die geistige
Situation war damals, vor dem vollen Durchbruch einer philosophiefremden
naturwissenschaftlich-industriellen Revolution, vergleichbar mit der
heutigen, wo es um deren mühsame nachträgliche Korrektur geht,
weshalb Hegel, vielleicht der einzige, der bei längerer Wirksamkeit
den sich auftuenden Abgrund zwischen schöngeistiger Philosophie
und "harter" Naturwissenschaft mit Begriffsschärfe hätte
überbrücken können, zu Wort kommen mag: "Indem die
wahre Gestalt der Wahrheit in diese Wissenschaftlichkeit gesetzt wird
(...), so weiß ich, daß dies im Widerspruch mit einer Vorstellung
und deren Folgen zu stehen scheint, welche eine so große Anmaßung
als Ausbreitung in der Überzeugung des Zeitalters hat. (...) Wenn
nämlich das Wahre nur in demjenigen oder vielmehr nur als dasjenige
existiert, was bald Anschauung, bald unmittelbares Wissen des Absoluten,
Religion, das Sein (...) genannt wird, so wird von da aus zugleich für
die Darstellung der Philosophie vielmehr das Gegenteil der Form des
Begriffs gefordert. Das Absolute soll nicht begriffen, sondern gefühlt
und angeschaut, nicht sein Begriff, sondern sein Gefühl und Anschauung
sollen das Wort führen und ausgesprochen werden. (...) Das Schöne,
Heilige, Ewige, die Religion und Liebe sind der Köder, der gefordert
wird, um die Lust zum Anbeißen zu erwecken; nicht der Begriff,
sondern die Ekstase, nicht die kalt fortschreitende Notwendigkeit der
Sache, sondern die gärende Begeisterung soll die Haltung und fortleitende
Ausbreitung des Reichtums der Substanz sein" (Hegel, Vorrede zur
"Phänomenologie des Geistes", Hamburg 1952, 12 f).
Selbst wenn man
Hegel hier mit Recht vorhalten kann, daß es jene genannten anderen
Formen der Wahrheit gibt als die begriffliche und daß diese anderen
Formen (bes. Kunst und Mystik) nicht Ersatz oder Vorstufen für
die begrifflich-philosophische Erkenntnisweise darstellen, so behält
sein Plädoyer für die begriffliche Genauigkeit im Bereich
der sprachlich-philosophischen Äußerungen volle Aktualität.
Das supramentale oder integrale Menschsein muß das Mentale voll
enthalten, ja sogar in erhöhtem Maße zur Entfaltung bringen,
sonst ist es weder supramental noch integral, sondern regressiv. Es
ist mit scheinbarem oder wirklichem Verzicht auf "bessere mentale
Theorie" unvereinbar, ebenso mit der pauschalen Abwertung des "Technisch-Mentalen".
Auf diese Weise wird die Entgleisung der naturwissenschaftlich-technischen
Revolution in ihrer vermeidbaren Tragik als "corruptio optimi"
gerade nicht begriffen. Das Schöne an einer intelligenten und einfühlsamen
Technik wäre nämlich gerade die durch sie geschehende Kommunikation
mit der Natur, basierend auf Entdecken und Ernstnehmen ihrer Gesetze.
Daß die industrielle Revolution in Herrschaftswissen und Beherrschungswillen
entartet ist, war wohl nicht unvermeidlich. Dieser kulturgeschichtliche
Aspekt wird in Kirchhoffs Pauschal-Kritik an der faktischen Naturwissenschaft
und Technik nicht adäquat thematisiert.
Die Verquickung
des aufgezeigten methodologischen Fehlers mit dem erneuerten kosmischen
Naturverständnis ist fatal, weil eben an entscheidenden Stellen
nicht mehr argumentiert wird, sondern von jener Fluchtmöglichkeit
in "Supramentale" Gebrauch gemacht wird, wozu sich der Autor
an den zitierten und anderen Stellen die Lizenz holen will. Und dies
trotz beachtlicher "mentaler" Kenntnisse und berechtigter
Infragestellung gängiger physikalischer Selbstverständlichkeiten.
Dazu gehören auch Einsteins Relativitätstheorien, seine Ablehnung
des Äthers sowie die Quantenphysik.
Zweiter Haupteinwand:
neo-animistische Deutung von Gravitation und Äther
Mit Recht "gravitiert"
Kirchhoffs Infragestellungs- und Erklärungsenergie in Richtung
Gravitation. Deren Aufklärung bildet in der Tat eine strategische
Aufgabe. In ihr erblickt er das "Wurzel-Koan der Physik",
wie das für einen positiven positiven Entwurf zentrale 5. Kapitel
"Was ist also Schwere? Das Koan der Physik" überschrieben
ist. Ein Koan ist im Zen-Buddhismus ein rational bzw. auch intellektuell-mental
nicht auflösbares Rätselwort. Der Titel beansprucht also an
zentraler Stelle eine supramentale Lösung für das Gravitationsproblem.
Mit wissenschaftshistorischer Akribie unterscheidet Kirchhoff mühevoll
Newtons wahres Ringen um die Enträtselung der Gravitationskraft
von Wurzel der sich auf ihn berufenden "Schulmechanik", die
die Einheit von irdischer und himmlischer Mechanik aufgrund eines Gesetzes
der allgemeinen Massenanziehungskraft schlicht voraussetzt. Diese Errungenschaft
der klassischen Physik meint der Autor im Namen einer in der Tat "supramentalen"
Lösung der Gravitation, ihrer Erklärung aus dem in den Gestirnsmassen
sich manifestierenden "Weltwillen" erklären zu können.
Eine ins Auge gefaßte Hypothese wird flugs zu einer unumstößlichen
These:
"Also die Gravitation,
als die auf das ganze Gestirn bezogene Kraft, ist die Wirkung des Weltwillens
auf einer hohen und durchaus als kosmisch zu bezeichnenden Bewußtseinsstufe.
Ich sage noch einmal: Wir haben nur die Wahl zwischen dem toten Körper
und den lebendigen Leib. Wenn die Gestirne etwas mit uns zu tun haben,
wenn sie so wie wir sind, wenn auch auf einer anderen Frequenzebene
des Bewußtseins (wie auch des Fühlens und Wollens), dann
können sie nicht tot sein, dann sind sie lebendige Organismen,
dann sind sie der Leib der Götter"(158 f).
Was ist der Unterschied
zwischen dieser gewissermaßen animistischen Behauptung und einer
Auffassung des Kosmos wie des Menschen als einer Körper-Seele-Geist-Triade?
Der Unterschied besteht darin, daß in dieser letzteren Sichtweise
jede Ebene (einer Siebenfachheit, die sich aus der Durchdringung der
drei Prinzipien ergibt, vgl. meine Ökologik) ihre Eigengesetzmäßigkeit
behält. Das heißt, mit Göttlichem und "Weltwillen"
läßt sich in dieser Sicht keinesfalls etwas so elementar
der untersten physischen Ebene Angehöriges wie Gravitation erklären.
Die kosmische Integration, auch die Sicht des Physischen als "Leib
der Götter", ist nur durch Differenzierung hindurch möglich
(Integration-durch-Differenzierung). Das Gegenteil solcher ganzheitlichen
Differenzierung, die Ineinssetzung von Göttlichem und elementar
Physischem scheint mir Animismus in modernem Gewand.
"Was wird mit
der Schwere, warum verschwinden die enormen Massen, die doch machtvoll
und ´plump´ in Richtung Erdmittelpunkt gezogen oder gepreßt
werden? Darauf gibt es nur eine auch logisch zufriedenstellende Antwort,
die Giordano Bruno als erster gegeben hat: Die Schwere verschwindet,
weil als Kraftvektoren Richtung Zentrum sich gegenseitig aufheben. Jeder
Schwerkraftvektor bzw. jede Radiallinie des Schwerefeldes hat ihren
– ihm oder ihr genau entgegengesetzten – Widerpart. Die
Schweregleichung der Erde wird nach Null hin aufgelöst. Bruno ahnte,
daß dieser Nullwert keine Negation, also kein Verschwinden im
Sinne von Versickern oder von äußerster Verdünnung darstellt,
die irgendwann die Nullgrenze erreicht, sondern daß der Nullwert
im Gestirnszentrum ein solcher der göttlichen Fülle ist, der
äußersten Verdichtung, die das Göttliche berührt,
ja ist. – Im ´göttlichen Nullpunkt´ verdichtet
sich alles Materielle, um zugleich ins Unendliche zu zerstrahlen, sich
ins Göttliche aufzulösen .(...) Was also hält die Erde
schwebend und hängend im leeren Raum? Der ´göttliche
Nullpunkt´ im Erdenzentrum; über diesen Nullpunkt wird die
Erde, wie jedes ihr analoge Gestirn, dem Raume fest und sicher verbunden.
Was hält die Erde im Raum? Der (göttliche) Weltwille durchdringt
jede Materieschicht, abgeschirmt oder eingeschränkt wird er nur
durch sich selbst! Nur wenn Weltwille auf Weltwille stößt,
das Radialfeld des einen auf das Radialfeld des anderen Gestirns, wird
in der Wandlungszone, die dann entsteht, das subtile Wechselspiel, der
Tanz der Himmelskörper (miteinander und gegeneinander) geboren....(167).
Neuere "mentale"
Erklärungsweisen werden dabei übergangen, nicht zuletzt diejenige
eines so hochkarätigen Naturwissenschaftlers und zugleich ganzheitlichen
Naturdenkers wie Otto Oesterle. Dessen ebenso einfache wie erfahrungsgestützte
Gravitations- und Äthertheorie versteckt sich allerdings bisher
– das kann man Kirchhoff zugute halten – in Fachzeitschriften
bzw. in Buchform unter einem so wenig naturwissenschaftlichen Titel
wie "Die Goldene Mitte: Unser einziger Ausweg" (Rapperswil
am See 1997; Universal Experten Verlag). Jochen Kirchhoff hat dieses
Buch vor Drucklegung des seinen erhalten, befand es jedoch leider, mag
sein auch wegen des popularwissenschaftlichen und (leider) eher politisch
klingenden Titels, keiner Auseinandersetzung oder auch nur Nennung wert.
Dabei stellt es Kirchoffs "supramentale" Spekulationen gründlich
in Frage. Es macht diese überflüssig ohne Verzicht auf ganzheitliches
und überhaupt kohärentes Denken mit Inanspruchnahme einer
persönlichen "Buddha-Ebene" des Bewußtseins (87).
Dritter Haupteinwand:
vorkritisch angenommene "Unendlichkeit" und ungeklärte
Natur des Raumes
Die sogenannte Unendlichkeit
des Raumes wird von Kirchhoff von Anfang an vorausgesetzt und mit Berufung
auf seinen geradezu unfehlbaren "Schutzheiligen" Giordano
Bruno wohl polemisch verteidigt, jedoch nicht philosophisch-wissenschaftlich
problematisiert: "In seinem Dialog ´Über das Unendliche,
das Universum und die Welten´ hat Bruno alle Argumente für
die Endlichkeit der materiellen Welt innerhalb eines aristotelisch verstandenen
´Nicht-Raumes´ (außerhalb der Fixsternsphäre)
oder eines unbegrenzten Raumes entkräftet. Daß diese Argumente
bis heute immer wieder vorgetragen werden, so als habe es Bruno nie
gegeben, ist mir unverständlich" (144). Dem Rezensenten hingegen
ist unverständlich, wie Kirchhoff auf eine Problematisierung des
unendlichen Raumes außerhalb der noch mittelalterlichen Kontroverse
Bruno-Aristotelismus verzichten kann, wie er besonders an Kants Widerlegung
der Realität unseres Vorstellungsraumes vorbeigehen kann, "als
habe es ihn nie gegeben" und wie er gleichermaßen an Hegels
Kritik einer "schlechten Unendlichkeit" des Immer-weiter in
Kontrast zu einer wahren, aktualen Unendlichkeit vorbeigehen kann. Die
alltägliche, gewöhnliche Raum-Vorstellung ist (jedenfalls
in unserem Kulturkreis) in der Tat die eines unendlichen Immer-weiter.
Solcher "dialektische Schein" (Kant) wird bereits für
nachdenkliche Kinder und Jugendliche zum Problem. Die meisten Menschen
finden sich mit ihm ab und springen von dieser Pseudo-Unendlichkeit
des "geschaffenen" Universums in einen religiösen Glauben
– ganz ähnlich wie die (von Kirchhoff ohne nähere Begründung
verworfene) Urknall-Theorie als Pseudo-Theologie, nämlich Schöpfungslehre,
gedeutet wird. Als Geschaffenes im jüdisch-christlichen Sinne müßte
das Universum endlich sein im Vergleich zum Schöpfer. Sind Gott
und Natur allerdings deckungsgleich, zumindest und gerade in bezug auf
die Räumlichkeit (Spinozas Position), scheint die Unendlichkeit
des Universums mit der des Gottes vereinbar zu sein.
Kant löst diese
erste kosmologische Antinomie von wie auch immer "bewiesener"
Endlichkeit von Raum und Zeit und ebenso "bewiesener" Unendlichkeit
beider (Kritik der reinen Vernunft, B 454 ff), indem er Raum und Zeit
als transzendentale, d.h. dem menschlichen Erkenntnisvermögen notwendige,
dennoch "subjektive" Anschauungsformen aufzeigt und eine Unerkennbarkeit
von Raum und Zeit an sich vertritt. Selbst ein Bruno-Kritiker in puncto
Unendlichkeit des Raumes wie sein Herausgeber L. Kuhlenbeck bemerkt
zu Kants Lösung, "daß jedermann sofort empfinden muß,
daß auch diese scheinbare Lösung der Antinomie, deren Scharfsinn
noch heute vielfach bewundert wird, uns nur noch in größere
Verlegenheit setzt, und daß sie uns gewissermaßen düpiert.
Der Gegensatz Unendlichkeit oder Endlichkeit ist ja, wie wir bereits
hervorhoben, gar nicht auf das Räumliche beschränkt"
(G. Bruno, Zwiegespräche vom unendlichen All und den Welten, hg.
von L. Kuhlenbeck, Darmstadt 1980, S. LI). Sicherlich empfindet jeder
das Bedürfnis, mehr über den "Raum an sich" sagen
zu können. Vielleicht ist eine unanschauliche Erschließung
des Raumes über seine "transzendentale Idealität",
d.h. die bloße Anschauungsform vom dreidimensionalen Raum möglich?
(Bei P. Plichta, Das Primzahlkreuz, 2 Bde., Düsseldorf 1991, wird
eine Vierdimensionalität des Raumes "an sich" aufzuzeigen
versucht.)
Otto Oesterle betont
mit Emphase in seinem genannten Buch, daß jeglicher Gedanke von
Absolutem und Unendlichem aus der Naturwissenschaft herauszuhalten sei:
"Der Schlüssel zur Wahrheit heißt: ´Nichts Absolutes´(
genauer gesagt ´der wahrscheinlichste Schlüssel´, sonst
ersetzt man eine Verabsolutierung durch eine andere)" (O. Oesterle,
Goldene Mitte, 20). Die Vorstellung vom unendlichen Raum fällt
natürlich unter dieses berechtigte Verdikt. Es kann an dieser Stelle
nicht diskutiert werden, daß es sich hier m.E. nur um eine notwendige
Selbstbeschränkung der empirisch fundierten Naturwissenschaften
handeln kann und daß irgendwo ein philosophisch legitimierter
Unendlichkeitsgedanke auch in die Naturphilosophie eingetragen werden
müßte, jedoch mit aller methodologischen Bewußtheit
und Vorsicht. Jedenfalls würde es sich bei solcher Unendlichkeit
nicht um das bloße Immer-weiter einer unreflektierten Unendlichkeits-Vorstellung
handeln. In der Tat scheint das Zulassen eines echt philosophischen
Unendlichkeits-Gedankens (im Unterschied zur bloßen Vorstellung
eines schlecht-unendlichen Raumes) die Grenze zwischen Philosophie und
Naturwissenschaft zu bezeichnen, solange beide noch nicht zu einer "integralen"
Synthese gefunden haben.
Hier geht es lediglich
um Stellungnahme zu Kirchhoffs Buch. Auf der einen Seite kann die Übernahme
der durchaus vorkritischen Unendlichkeits-Vorstellungen des "heiligen
Bruno" nicht akzeptiert werden. Auf der anderen Seite wird auch
nicht plausibel, wozu der Autor Vorstellung und Gedanke der Unendlichkeit
(beide werden nicht unterschieden) für seine Argumentation wirklich
braucht, selbst wenn sich fragwürdige Behauptungen wie diese wiederholen:
"´Ausdehnung´ ist ein Relativbegriff, der nur sinnvoll
ist, wenn der Raum selbst als absolut und ewig vorausgesetzt wird"(336).
Das ist durchaus pseudo-philosophisch und vorkritisch, was man von einem
Schelling-Biographen nicht erwarten würde! Der Wahrheitskern an
solchen Behauptungen besteht nur darin, daß wir mit der Vorstellung
eines unbegrenzten ("unendlichen") Raumes arbeiten –
was auch Kant betont, der diese Vorstellung jedoch an ihren Platz als
subjektive (aber transzendentale, d.h. notwendige) Anschauungsform rückt.
Offenbar meint Kirchhoff die realgesetzte Unendlichkeit des Raumes für
die "Erklärung" der Gravitation aus einem "Weltwillen"
zu brauchen. Doch auf diese Weise wird der Unendlichkeits-Gedanke, ebenso
wie das Bedürfnis nach dem Supra- oder Transmentalen, zur Ausflucht
in die Willkür, zum asylum ignorantiae.
Was aber das Düpiertsein
durch Kants negativ bleibende Auskunft über den Raum betrifft,
so führt Oesterles Raumtheorie in intellektuell befriedigender
Weise darüberhinaus durch die naturwissenschaftliche Behauptung:
Raum ist an sich nichts als Vorstellung, real ist nur das Räumliche,
und dieses wird konstituiert durch den Äther, sozusagen die "materia
prima", um einen Ausdruck aus der aristotelischen Tradition aufzugreifen:
potentielle Materie. Die für unsere Sinne wahrnehmbaren Erscheinungen
der materiellen Welt, die aktualisierte Materie sind verdichtete Wirbel
jener "materia prima". Oesterle operiert indessen nicht mit
solch spekulativen und traditionellen Begriffen, sondern empirisch,
wie es einem Naturwissenschaftler angemessen ist. Eine philosophische
Dimension gewinnt seine Argumentation durch eine umfassende Konsistenz
und Kohärenz. Der naturwissenschaftlich-philosophische Dialog kann
an dieser Stelle nicht weitergeführt werden. Es ging im Grunde
allein um die Deutung des Raumes, um die scheinbar simple Unterscheidung
von Raum-Vorstellung und Realität des Räumlichen.
Auch wenn "Räume"
im Titel von Kirchhoffs Werk "Räume, Dimensionen, Weltmodelle"
steht, leistet er zur Weiterentwicklung unseres Denkens über Raum
in diesem Buch keinen anderen Beitrag als den einer dogmatischen, philosophisch
unbefragten Bruno-Reprise. Fast der ganze Rest seiner Sichtweise geht
im Prinzip zurück auf Helmut Friedrich Krause, Der Baustoff der
Welt (Von den bewohnten Gestirnen und der Ursache der Gravitation. Eine
einheitliche Feldlehre aus kosmischer Sicht. Mit einem Vorwort von Jochen
Kirchhoff und einem Gespräch von Werner Heisenberg), Berlin 1991.
Wenn er, wie ich von ihm hörte, an einer erfahrungsnahen Differenzierung
von Räumen und Raum-Erlebnissen arbeitet, so sollte er sich für
diese Aufgabe von dem hinderlichen Ballast solcher Dogmatik befreien.
Das Körper-Seele-Geist-Wesen
Mensch kennt in der Tat viele Räume, die sich aus der Überschneidung
der genannten Wesens-Konstituentien ergeben. Der Rezensent wäre
froh, wenn die von ihm selbst (in "Ökologik") erst in
dürren Umrissenen, gestützt auf ein umfangslogisches Drei-Kreise-Modell,
entworfene Skizze eines triadischen Menschen- und Kosmos-Bildes, mit
methodischer Präzision und breiter Erfahrungbasis weitergeführt
würde. Aus der begrifflich sauberen Thematisierung und Überschneidung
der drei menschlichen Wesens-Konstituentien Körper, Seele, Geist
ergibt sich eine Siebenfachheit des Menschen – damit auch seiner
mehr oder minder physischen oder metaphorischen Raumerfahrung. Auch
wenn Kirchhoff sich – ausdrücklicher in seinem vorhergehenden
Buch "Was die Erde will" – diesen triadisch-anthropologischen
Zugang zur Naturphilosophie zu eigen macht, ist von der konsequenteren
Durchführung dieses Ansatzes nichts zu erkennen. Die mit ihm verbundene
Logik der Integration-durch-Differenzierung (nämlich von Körperlogik
und ihrer Mathematik, sowie von Seelenlogik und Geistlogik) dürfte
mit den von Krause übernommenen und in diesem neuen Buch dominierenden
Vorstellungen, die oben als neo-animistisch apostrophiert wurden, schwerlich
vereinbar sein. Der Mensch als Körper-Seele-Geist-Einheit kennt
große, uns noch kaum vorstellbare Entwicklungsmöglichkeiten
und ebenso sein (oder der "Götter") Leib, der Kosmos.
Es ist jedoch etwas anderes, supra-mentale Vermögen des Menschen
methodisch zu thematisieren als bei solcher Thematisierung selbst supra-mentale
Methoden in einer Weise in Anspruch zu nehmen, die sich an den Standards
von Naturwissenschaft wie philosophischer Logik vorbeidrückt, auch
sofern diese legitim sind.
Man erkennt, wie
eng die drei Haupteinwände zusammenhängen: 1. illegitime Inanspruchnahme
von Supramentalem, 2. neo-animistische Deutung von Gravitation und Äther,
3. vorkritische Annahme einer Unendlichkeit des Raumes. Überall
fehlt es an den notwendigen Differenzierungen zur wirklichen Integration
von Naturwissenschaft und Philosophie, zu einer integralen Naturphilosophie.
Die durchgehend spürbare "genialische" Prätention
bildet das Gegenteil der notwendigen Integration. Sie setzt wohl anstößige
Maßstäbe für das zu Leistende.